Von den Schwierigkeiten des Zurückruderns – warum Hugo nicht mehr vegan lebt

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Wer meinen Blog und meine Facebookseite verfolgt, hat schon oft von Hugo gelesen. Morgen ist sein 4. Adoptionday. Kaum zu glauben, dass er unser Leben schon so lange bereichert. Fast überflüssig zu erwähnen, wer der Mittelpunkt des Kuglerhaushaltes ist. Einen Ehevertrag hielten wir für überflüssig, aber das Sorgerecht für Hugo im Falle einer Trennung haben wir vor seinem Einzug geregelt ;)

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Ehrlich gesagt war Hugo am Anfang eine Katastrophe auf vier Beinen. Ich gehöre ja zu den Frauen, deren zoologische Uhr schon früh zu ticken anfing. Schon während des Studiums lag ich meinem Mann ständig mit meinem Hundewunsch in den Ohren. Als ewige Stimme der Vernunft verlangte er, dass wir damit warten, bis wir finanziell durch einen richtigen Beruf abgesichert sind. So zählte ich die Tage, bis endlich ein Hund bei uns einziehen durfte. Ebenso vernünftig wie den Zeitpunkt des Einzugs legten wir auch die gewünschten Merkmale fest. Eine ältere Hündin aus dem Tierschutz sollte es sein, gut verträglich, kein Jagdtrieb. Ein Anfängerhund eben. Leider vertrieb ich mir die Zeit bis zum Einzugstermin auf diversen Vermittlungsseiten… und sah Hugo. Ein Jagdhundmischling, Rüde, 7 Monate alt. Wir waren sein drittes Zuhause. Als wir ihn das erste Mal in Hamburg besuchten, sprang er über Tische und Bänke, wirkte wie ein Eichhörnchen auf Speed und leckte die volle Windel eines Säuglings aus. Das wäre der Moment, wo vernünftige Menschen die Beine in die Hand genommen hätten. Wir dagegen waren uns absolut sicher, dass der Hund besser gestern als heute ein neues Zuhause braucht. Natürlich bei uns :-)

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So zog Hugo bei uns ein. Unterernährt und überdreht. Er zerlegte unsere halbe Wohnung, pinkelte gegen Wände und hatte immerfort Durchfall. Nach drei Wochen hatten wir raus, dass er gegen Getreide allergisch ist, später kam Nickel dazu. Dann Geflügel, Rind, Fisch. Flohspeichel, Hausstaub, Pollen und Gräser, Insektenstiche. Ständig brauchten wir neue Futtersorten, neue Betten, Leinen etc. weil er irgendetwas nicht mehr vertrug.

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Wir verschlissen drei Hundetrainer und ebenso viele Tierärzte. Während Hugos Erziehung Formen annahm (nach nur einem halben Jahr konnte ich wieder alleine aufs Klo), war er gesundheitlich immer für eine Überraschung gut. Egal ob er Tackernadeln fraß, Putzwasser trank, Elektrozäune mit dem Maul testete oder Steine verschluckte, wir waren Stammgäste beim Tierarzt. Dann wurde er von einem Schäferhund namenes Shark schlimm zerbissen, musste wegen eines verschluckten Quietschies den Magen geöffnet bekommen und hatte nach einem Insektenstich ein Auge wie ein Preisboxer. Ausgerissene Krallen, Bisswunden in den Ohren oder entzündete Analdrüsen gehörten zum Alltag. Wir warteten eigentlich nur darauf, dass wir einen eigenen Parkplatz vor der Praxis bekamen.

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Dann wurde Hugo erwachsen und wohlerzogen (er kann nun schon während eines Einkaufs bis zu 30 Minuten alleine im Auto bleiben, wenn man auf einem Mutter-Kind-Parkplatz steht und er die Tür im Auge behalten kann). Aber die schlimmen Nahrungsmittelunverträglichkeiten blieben, immer weniger Proteine konnten wir füttern. Wir importierten Futter aus Kanada, bestellten Kamelsehnen und Straussentaler. Nichts ging mehr. Inzwischen waren wir selbst vegan geworden und fassten einen Beschluss. Statt Känguruh und Kunstproteine aus Entenfedern zu füttern, wollten wir es vegan versuchen.

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Da Hugo ein Labbimixer ist, frisst er alles gerne. Auch Styropor, Socken und alte Taschentücher. Auf das vegane Trockenfutter und das selbstgekochte Essen stürzte er sich mit der gleichen Freude wie zuvor auf die Fleischmahlzeiten. Natürlich hatten wir uns gut informiert, wie man die Bedürfnisse eine Hundes vegan abdecken kann und uns auch mit unserem Tierarzt abgesprochen. Er war offen und riet uns, es einfach zu probieren, da seiner Erfahrung nach nicht alle Hunde gleich gut mit pflanzlicher Kost zurecht kämen. Anfangs war alles wunderbar. Hugos Mundgeruch ließ nach, sein Eigengeruch wurde besser. Sein Fell glänzte und wurde weicher, er war fit wie ein Turnschuh. Das hing sicher vor allem damit zusammen, dass er mit weniger Allergenen in Berührung kam und durch das Kochen auch keinen Milben im Trockenfutter ausgesetzt war. Wir waren happy, ethisch mit uns im Reinen und stolz wie Oskar, dass endlich der ganze Haushalt vegan war.

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Leider hielt unsere Glückssträhne nicht an. Hugo hatte immer wieder mit Übersäuerungen zu kämpfen, weil pflanzliche Nahrung schneller verdaut wird als tierische Proteine. Wir fingen an auch spät abends zu füttern, direkt nach dem Aufstehen und zwischendurch kleine Mahlzeiten zu füttern. Trotzdem tauchten die Probleme immer wieder auf. Da er auch Soja und viele Hülsenfrüchte nicht verträgt, waren wir sowohl bei der Auswahl der Kochzutaten als auch der veganen Futter sehr eingeschränkt. Bald hatten wir alles am Markt durch und Hugo fing munter an, jeden Scheissehaufen zu fressen, an dem er vorbei kam. Auch Aas stieg im Kurs. Natürlich dachten wir zuerst, ihm würde etwas in der Nahrung fehlen. Aber wir hatten immer brav supplementiert, und sehr gute Trockenfutter gekauft. Um ganz sicher zu gehen, machten wir eine Moorschlammkur und gaben Heilerde ins Futter, um ihn zusätzlich mit Mineralstoffen zu versorgen. Leider blieb das Problem bestehen.

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Und wie es mit Problemen so ist, kommen sie selten allein. Fast jeder gefressene Kothaufen enthielt irgendwas, was Hugo nicht vertrug. Natürlich überschlugen wir uns bei den Spaziergängen mit Entertainment und Futterspielen. Wir brachten ihm bei, uns die Haufen zu zeigen und eine Belohnung zu bekommen, wenn er sie nicht fraß. Aber irgendwann wurde er zum Haufendetektor. Kaum eine Woche verging, ohne dass er etwas erwischte. Allergiesymptome folgten, wir waren in einem Teufelskreis aus Allergiebehandlungen und Magen-Darm-Infekten. Von den häufig nötigen Wurmkuren nicht zu reden. Freitag hat der Tierarzt Hugo dann Blut abgenommen und eine akute Pankreatitis festgestellt. Gleichzeitig bekamen wir die rote Karte. Wir sollen Hugo wieder Fleisch füttern. Da ich unseren Tierarzt zu Beginn von Hugos Nahrungsumstellung um genau diese Rückmeldung gebeten hatte, sollte sie nötig werden, werde ich mich nun natürlich daran halten.

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Und da sind wir: hallo, moralisches Dilemma. Seit fast einem Jahr verteidige ich Hugos ungewöhnliche Ernährung auf Hundewiesen, im Freundeskreis und bei Facebook. Ich stelle meinem Gegenüber die Frage, mit welchem Recht ich viele Tiere vernichten sollte, um eines zu retten. Warum das Leben der Kuh, das vom Leid der Massentierhaltung geprägt war, weniger wert ist, als das meines Hundes. Ich habe erklärt, dass Hunde genauso omnivor sind wie Menschen und all ihre Nährstoffbedürfnisse vegan abgedeckt werden können. Ich habe auf Hugos besseres Befinden und seine Fitness verwiesen.

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Nun ja. Fitness und besseres Befinden kann ich zur Zeit leider nicht mehr anführen. Neben den Nährstoffbedürfnissen scheint es auch eine psychologische Komponente zu geben. Mein Hund möchte liebe Kacke und Aas essen, als mit Liebe gekochten Kichererbseneintopf mit frischen Möhrchen und Zucchini aus dem Garten. Nachdem ich das gesundheitliche Problem und die mögliche Lösung erkannt habe, sollte eigentlich alles ganz einfach sein. Ein Protein finden, dass Hugo noch nicht gegessen hat, füttern, alles gut. Leider gelten die moralischen Probleme aber immer noch. Mein Hund fängt sein Essen leider nicht selbst, sondern ich verurteile mit jeder gekauften Dose oder Tüte andere Tiere zum Tod. Nun ist es aber so, dass Hugo da war, bevor wir vegan wurden. Er ist ein Familienmitglied, wir haben Verantwortung für ihn übernommen. Und der müssen wir nun gerecht werden.

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Und so endet ein glücklich gestartetes Experiment ganz ohne Happy End. Hugos Krankheit wird behandelt, er bekommt Magensäurehemmer und Schonkost. Während dessen sitze ich mit Tränen in den Augen am Computer und suche nach Weideziegen, die ein schönes Leben hatten, bevor sie in Hugos Napf landen. Dabei hoffe ich, dass es ihm bald wieder besser geht. Der Plan ist, die Feuchtnahrung durch ein veganes Trockenfutter zu ergänzen und so zumindest den Fleischanteil möglichst gering zu halten.
Mit dieser Geschichte möchte ich übrigens nicht behaupten, vegane Ernährung sei für Hunde nicht möglich. Dafür habe ich inzwischen auch viel zu viele Positivbeispiele kennengelernt. Für Hunde mit so vielen Unverträglichkeiten wie Hugo sie hat und die damit eingeschränkt Nahrungspalette ist es aber schwieriger. Und für Hugo war es leider kein Weg. All diese Erkenntnisse machen das Zurückrudern aber nicht einfacher und ich komme mit ziemlich bescheuert vor, mit der Ziegenpatenschaft für den Erdlingshof auf der einen Seite und den Ziegen in der Dose auf der anderen Seite.
Update: ein Schmalspurhappyend haben wir übrigens doch noch bekommen. Es heisst InsectDog und ist ein Futter, in dem als tierische Proteinquelle Mehlwürmer verwendet werden. Das ist zwar immer noch nicht ideal, aber für mich leichter zu ertragen, da Massentierhaltung den natürlichen Bedürfnissen dieser Tiere entgegen kommt.

3 Gedanken zu “Von den Schwierigkeiten des Zurückruderns – warum Hugo nicht mehr vegan lebt

  1. Hallo liebe Julia,
    Es ist wirklich schön geschrieben. Man kann sofort deine Liebe zu Hugo spüren. Sagt dir die “Tierkommunikation” etwas? Du sprachst von einer psychologischen Komponente. Diese könnte man tatsächlich mit einer Tierkommunikation herausfinden. Ich selber habe zwei Katzen, und seit dem ich letztes Jahr das erste Mal eine Tierkommunikatorin damals einschaltete, verstehe ich viel an dem Verhalten der beiden wesentlich besser. Meine Katzen haben zwar keine Nahrungsunverträglichkeiten, dafür hatte unser Kater oftmals Durchfall und war sehr ängstlich. Das ist zu 100% verschwunden und wir sind sehr dankbar. Ein Tierkommunikator ist wie eine Art Tierflüsterer. Kann ich einfach nur von Herzen empfehlen.

    Viele Grüße, Betty

  2. Das tut mir leid zu lesen…
    Aber ich finde es toll, dass ihr in der ganzen Zeit immer für Hugo da wart (trotz nervlicher Belastung) und auch jetzt alles tut, damit es ihm wieder gut geht!

    Ich verstehe nur eins nicht, vielleicht kannst du mir das ja näher erklären:
    Wieso war er durch die pflanzliche Ernährung immer wieder übersäuert, gerade tierisches übersäuert doch?

    • Gemeint ist nicht eine generelle Übersäuerung, sondern zuviel Säure im Magen. Hunde sind dafür ausgelegt, u.a. ganze Beutetiere zu verdauen. Das dauert ziemlich lange, mit Fell, Zähnen und Gedöns. Dagegen geht die pflanzliche Nahrung schnell durch den Hund durch. Das führt bei längeren Futterpausen dazu, dass zuviel Säure im Magen ist. Das kann zu Erbrechen führen (das ist dann nur Schleim, denn es ist ja nichts im Magen) und die Hunde fressen gegen das Unbehagen meist Gras. Hugo wich in schlimmen Zeiten auch mal auf Taschentücher und so weiter aus. Mit der pflanzlichen Nahrung kam Hugo einfach nicht über die Nacht, da wir auch keine Vollkorngetreide oder ähnliches füttern konnten. In den veganen Hundegruppen geben viele ihren Hunden vorm Schlafengehen noch ein altes Brötchen oder eine Scheibe Toast. Manche lassen auch das Futter über Nacht stehen, damit die Hunde sich immer bedienen können. Das wäre bei unserem Staubsauger aber nicht gegangen. Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig zusammengefasst, richtig gute Literatur zu dem Thema gibt es ja leider noch nicht.

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